Maikaefer's Weblog


11.03.2011

Love Tokyo — strahlende Aussichten

Bericht über die Geschehnisse seit dem 11.03.2011
Unvergesslicher Ausflug zum Bonsai-Village, Ōmiya / Saitama


Seit dem Vormittag sind wir (eine Gruppe von insgesamt neun Deutschen) unterwegs in Saitama. Unser Ziel: Bonsai-Village. An diesem friedlichen, sonnigen Tag haben wir viele schöne Bonsaipflanzen in insgesamt fünf Gärtnereien — alle nördlich des Bahnhofes Ōmiya Koen gelegen — gesehen. Rund um die Bonsaigärten ist es wesentlich grüner als im restlichen Metropolgebiet Tokyo‘s (die Präfektur Saitama gehört mit Tokyo, Chiba und Kanagawa zur Metropolregion Tokyo). Zufällig treffen wir in der zweiten Gärtnerei einen netten Amerikaner, der seit zwei Jahren hier die Kunst der Bonsaipflege lernt und die freie Zeit nutzt, da seine Frau beruflich in Tokyo tätig ist. Er beschäftigt sich als Hobby mit den Bonsai-Pflanzen und zeigt sich sehr gesprächig. Für uns ein unerwarteter Glücksfall, kann er uns doch vieles über die Pflanzen, die Pflege, die Tricks der Gärtner u.a Interessantes erzählen.

Nach einem Zwischenstopp in einem unerwartet modernen Café mit extrem freundlichen Gästen (die unserer großen Gruppe einen Tisch räumen und sich in die Ecke zurückziehen) und auf dem Rückweg zur Bahn beschließen wir, einen kleinen Spaziergang zum nahegelegenen Park und Tempel einzulegen. Wir dürfen bei einer Gruppe Bogenschützen zuschauen und bestaunen die sichtbar ältere Dame (4. von links) bei ihrer eher einer Mediation ähnlich wirkenden Übung.

14:46 Uhr (jap. Ortszeit): die Erde wackelt für 3 Minuten



Wir besuchen den Hikawa Shrine (冰川 Hikawa Jinja) im Ōmiya Park (大 宫 公园) und steuern anschließend den nahegelegenen Bahnhof Kita Ōmiya an. Während wir eine enge Wohnstraße entlanggehen, ziehen Wolken auf und Nieselregen setzt ein. Ist ja nicht weiter schlimm, sind wir doch in wenigen Minuten eh am Bahnhof. Plötzlich setzt ein Sturm ein, so denken wir zuerst. Die Gartentore klappern laut in ihren Aufhängungen, die Bäume zittern und die Strommasten schwanken. In Kürze wird uns klar: ein Erdbeben! Da wir mitten auf der Straße, also ungeschützt vor eventuell herabfallenden Teilen und möglicherweise umfallenden Strommasten stehen, suchen wir Schutz an einem Gartenzaun. Der einzige Flecken weit und breit, der etwas mehr Abstand zu den nahestehenden Häusern bietet. Die Erde wackelt mittlerweile so stark, das kann kein normales Beben sein. Um nicht umzufallen, klammern wir uns an den Zaun und halten uns gegenseitig fest. Die ersten Gedanken sind bei den Kindern in der Schule und diejenigen, die sich gerade alleine zu Hause aufhalten.

14:55 Uhr — kann Ben telefonisch zu Hause erreichen. Es geht ihm gut, es hat „ganz schön gewackelt“, aber er ist vorsichtshalber mit dem Hund in den Garten gegangen. Von mir bekommt er zu hören, dass er zur Familie seines Freundes gehen soll!

Wie wir erst viel später erfuhren, rollt um 14:58 Uhr die erste Tsunami-Welle über die Küste von Sendai hinweg. Zu der Zeit haben wir uns eine Straßenecke weiter auf ein leer stehendes Gelände begeben, dass uns in der Situation am ehesten geeignet schien. Nach und nach kamen Japaner dazu. Selbst die beiden Baustellenarbeiter, die erst noch cool auf ihrem Wagen Mittagspause machten und sich, allem Anschein nach über uns aufgeregte Ausländer lustig machten, suchten bei einem sehr starkem Nachbeben auf der freien Fläche Schutz. Viele starke Nachbeben folgten. Die Leitungen schwankten. In der Ferne hörten wir Lautsprecherdurchsagen, die wir nicht verstehen konnten. Der nahegelegene kleine Bahnhof Kitaomiya ist geschlossen, Züge fahren vorerst keine mehr. Ab jetzt wird die Lage für uns ernster. Wie sollen wir nach Hause kommen?

Da immer wieder starke Nachbeben zu spüren sind, die Stromleitungen schwanken, Betonmasten ächzen hin- und her schwanken und die Geräusche von knarzendem Beton-auf-Metall und Beton -auf-Beton zu hören sind, müssen wir uns auf einen größeren Notfall vorbereiten. Der gegenüber der leerstehenden Fläche, unserer Schutzzone, befindliche Getränkeautomat spukt für jeden ein paar Wasserflachen aus. Noch hat er Strom und kann bedient werden, wer weiss, wie lange noch. In einem family-Kombini-Mart wollen wir uns vorsichtshalber etwas zu Essen kaufen. Der Laden hat jedoch gerade geschlossen, da beim Beben die Ware aus den Regalen gefallen ist und vieles auf dem Fußboden verstreut liegt. Zwischenzeitlich sind ein paar Menschen auf die Straße gekommen und sehen sich um. Alle verhalten sich sehr ruhig, abwartend. Wir versuchen mit zwei japanischen Frauen zu sprechen und sie nach den Zügen zu fragen. Mit ein paar Brocken Englisch und auf Japanisch erklärt sie, dass die Züge erst wieder fahren werden, wenn die Strecke kontrolliert und freigegeben würde. Da wir nicht wissen, ob es stunden dauern kann, beschliessen wir zum nächsten großen Knotenbahnhof zu gehen, da wir von dort sicherlich besser weg kommen.

Ca. 20 Minuten gehen wir zu Fuß zum Bahnhof Ōmiya. Das Wichtigste: Wir müssen als Gruppe zusammenbleiben! Es sind keine sichtbaren Schäden an den Gebäuden erkennbar. Die Menschen verhalten sich alle ruhig, z.T. sitzen sie beim Friseur, im Restaurant, kaufen ein. Einige Schulen haben ihre Schüler mit Helmen und Notfallbeutel nach Hause geschickt. Vor den Firmen sammeln sich behelmte Mitarbeiter zum Durchzählappell.

Vor dem Bahnhof Ōmiya, eine sehr große Station, auf der wir uns am Vormittag mehrfach verlaufen hatten, warten bereits hunderte Menschen in langen Schlangen. Wir fahren mit der Rolltreppe hinauf ins Gebäude und stellen fest, dass kein Zug mehr fahren wird. Aufgrund eventueller Schäden wird vor dem Morgen des Folgetages kein Zug fahren, hören wir. Erstmals sehen wir auf einem großen Monitor in der Bahnhofshalle Bilder der Riesenwelle und hören etwas von einem verheerenden Tsunami an der Nord-Ostküste Honshūs. Jetzt wird uns das Ausmaß des Bebens so richtig bewusst. Um uns herumstehende junge Japaner und einige Ausländer erzählen, dass sie solch ein starkes Beben noch nicht erlebt hätten. Allmählich wird uns klar, dass es etwas Ernstes ist und wir hier aus Saitama so schnell nicht wegkommen werden.

Ein Bahnhofsmitarbeiter steht in der Mitte der Halle mit einem kleinen Megaphon und fordert alle zum Verlassen der nicht mehr sicheren Bahnhofshalle auf. Die Umstehenden schauen mit großen Augen, keiner macht Anstalten rauszugehen. Freundliche Japaner übersetzen für uns ins Englische. Wir sind die einzigen, die (nach Einsetzen weiterer Nachbeben und bedrohlich schwankenden Lampen im Starbucks) nach draußen gehen. Wo sollen wir nur hin?

Der geräumige Bahnhofsvorplatz scheint die einzige Fläche, die genügend Abstand zu eventuell umstürzenden Gebäuden bietet, also stellen wir uns in die Mitte. Kaum einer der vielen Japaner begibt sich hierher. Alle stehen nach wie vor in langen Schlangen rund um den leeren Platz herum und warten auf Bus und Taxi. Von Ordnungshütern, Katastrophenteams, irgendwelchen Offiziellen, die sich um die Menschen kümmern, den Verkehr regeln, Verhaltensmaßnahmen mitteilen oder was auch immer tun ist weit und breit nichts zu sehen. Das Erstaunliche: keinerlei Panik, Drängeln, ungeduldiges Verhalten etc. ist zu verzeichnen. Bis auf die Tatsache, dass die Bahn nicht fährt und sich mittlerweile eine Riesenschlange vor dem Bahnhof gebildet hat, könnte es ein ganz normaler Tag sein. Die Sonne scheint aber es weht ein bitterkalter Wind, so dass wir es auf unserem vermeintlichen Fluchtplatz, auf dem wir immer noch ziemlich verlassen herumstehen, nicht mehr länger aushalten. Unsere Rettung: ein kleines, zwei-geschössiges Gebäude (nach japanischer Zählweise 2F) springt uns ins Auge: eine Filiale der Golden-Arcade-Restaurant-Kette, MC Donalds. Nach kurzem Abwägen der Gefahren (kein Beton, der von oben oder den Seiten auf das Gebäude fallen kann; wenn es umstürzen sollte, sitzen wir „nur“ im Obergeschoss, das Haus scheint in Holzständerbauweise errichtet, also immer noch die beste Alternative weit und breit; es ist drinnen warm und trocken, Sitzplätze sind noch vorhanden, eine Toilette lässt uns frohlocken) setzen wir uns im Obergeschoß ans Fenster. So haben wir zwar eine gute Übersicht auf die Situation am Bahnhofsvorplatz, aber wird diese große Glasscheibe im Fall eines stärkeren Nachbebens halten? Ja, jemand entdeckt die Metallstruktur im Glas und gibt Entwarnung. Vor Scherben scheinen wir also sicher. Dann sehen wir die Notfallleiter direkt neben dem Panoramafenster und entscheiden, wenn, dann sind wir hier gut aufgehoben. Während sich alle im Notfall im Treppenhaus drängeln sollten, nehmen wir halt die Strickleiter!

Immer wieder wackelt die Erde, die Leitungen entlang der Straße schwanken bedrohlich. Aber die Menschen um uns herum bleiben sehr gelassen, so entscheiden wir uns letztendlich auch sitzen zu bleiben. Draußen ist es mittlerweile viel zu kalt, damit bleibt uns keine andere Wahl.

Ein dreifaches Hoch auf Facebook: Obwohl Handynetze größtenteils ausfallen und auch die Internetverbindung nicht immer möglich ist, bleibt unser Draht zu Facebook bestehen. Die wichtigsten (und schnellsten) Informationen beziehen wir aus dieser Quelle. Soeben wird berichtet: Eltern aus der Nähe der DSTY sind zur Schule gegangen / alles ok / Kinder wohlauf / richten sich auf Übernachtung in der Schule ein / Zeltlagerstimmung. Facebook macht es möglich: trotz des zusammengebrochenen Handynetzes können wir Notrufe und Beruhigungsbekundigungen (vor allem nach Deutschland) senden.

Als Erdbeben-Asylanten sitzen wir, müde Gestalten gleich, beim MC Donalds in Ōmiya, unmittelbar gegenüber dem Bahnhof. Spätestens seit heute sind wir überzeugte MC Donalds-Fans (warm, Sitzgelegenheit, Toiletten vorhanden, Verpflegung günstig, und das wichtigste: Strom zum Aufladen der Handys und viele nette Menschen, die uns ihre Aufladekabel ausleihen). Mittels Smartphone erfahren wir von der Internetseite der Japan Meteorological Agency, dass das Beben die Stärke 8,9 haben soll (was später sogar noch auf 9,0 heraufgestuft werden sollte). Für Saitama, dort wo wir gerade uns aufhalten, wurde das Beben mit der Stärke 6,6 bis 7,0 angegeben. Wie wir aus dem Internet erfahren, lagen die Werte für Denenchofu und Yokohama bei einer deutlich geringeren Stärke 4,7 und 4,5 auf der Richterskala.

„Unser“ MC Donald hat zwar laut Schild am Eingang 24h auf, also Tag und Nacht, aber der Manager möchte uns alle vor die Tür setzen. Ein renitenter Japaner (so etwas scheint es wirklich zu geben, wir haben es selbst erlebt!) steht auf und erklärt es für nicht richtig, in solch einer Notsituation die Menschen auf die Straßen zu schicken. Es sei draußen zu kalt und hier die einzig funktionierende Toilette weit und breit vorhanden. Alle klatschen. Der Manager geht erst einmal wieder weg. Jetzt machen sie doch ernst und schicken alle vor die Tür in die Eiseskälte. Auch Mütter mit kleinen Kindern sollen raus. Jemand lässt sich den Namen des Managers geben und will sich später bei MC Donalds persönlich beschweren. Netterweise zeigt uns der Manager noch den Weg zur Evakuierungsarea in 20 Fußgehminuten Entfernung: die im Jahr 2000 errichtete Saitama Super-Arena, wo vor über einem Jahr unsere Kinder zum Green Day-Konzert hinpilgerten und die gut 37.000 Menschen aufnehmen kann.

Wieder auf der Straße versuchen wir Taxis anzuhalten. Leider ohne Erfolg. Alle Autofahrer, die in unserer Reichweite sind, werden gefragt, ob sie uns (gegen Geld) nach Hause fahren würden. Auch eine ewig lange weiße Stretchlimousine, die gut aus einem Gangsterfilm entsprungen sein könnte, überfallen wir auf der Straße. Der Fahrer lässt immerhin die Scheibe herunter und unterhält sich mit uns. Aber leider kann er uns nicht fahren, sumimasen und weg ist er wieder. Vor einem Hotel und einer kleinen Bar sehen wir ein Shuttlefahrzeug, in das wir prima mit neun Personen hineinpassen würden. Leider zeigen sich die Japaner nicht spontan und geben das Fahrzeug nicht heraus. Auf dem Weg sehen wir eine Autovermietung und klopfen wie wild an die Scheibe, doch die beiden Mitarbeiter geben uns zu verstehen „sold out“. Schade, war einen Versuch wert. Schon sehen wir das große Gebäude der Saitama Super-Arena, eine riesige Sport- und Veranstaltungshalle. Jetzt liegen Hunderte Japaner auf orangefarbenen dünnen Decken auf dem Boden und suchen hier Schutz. Der Eingang, scheinbar ein Notein- bzw. Ausgang, wird uns nicht geöffnet, wir müssen einmal ganz um das große Gebäude herumgehen. In Japan bleibt eben immer die Ordnung bestehen, auch im Notfall. Spontan die Tür zu öffnen, das geht hier nicht.

Kurz vor dem Ziel der Nacht, dem Haupteingang zur Evakuierungsarea, steht ein Taxi am Straßenrand. Kaum noch auf unser Glück bauend, versuchen wir dennoch den Fahrer anzusprechen. Zuerst sah es so aus, als ob er nicht bereit wäre. Doch dann will er sogar fünf Personen transportieren (bei eigentlich nur vier freien Sitzplätzen), auch bis nach Denenchofu. „Sugoi [gesprochen: „tzugoy“], in Denenchofu, da bin ich noch nie gewesen!“ strahlt der Taxifahrer. Auch noch, nachdem wir ihm glaubhaft auf Japanisch versichern können, dass wir die nicht billige Fahrt bezahlen wollen. Leider müssen wir uns hier trennen, vier von unserer Gruppe bleiben am Straßenrand zurück und werden die Nacht mit den Hundert anderen Japanern in der Arena verbringen. Einerseits ist es ein erleichterndes Gefühl, im Taxi zu sitzen und nach Hause fahren zu können. Andererseits überwiegt das schlechte Gewissen dem Rest der Truppe gegenüber. Der für einen Taxifahrer relativ junge Mann spricht kein Wort Englisch und, da er aufgeregt ist und noch nie solch ein derartiges Beben miterlebt hat, ist sein ununterbrochener Redeschwall, das Versuchen, sein genuscheltes Japanisch zu verstehen und das Herauskramen der notwendigen Japanischkenntnisse für ein paar nette Sätze und Antworten auf seine Fragen, ein schweres Unterfangen.

Das Tachometer tickt und tickt, die auf dem Navi zuerst angezeigten 1h 15 Minuten für den Heimweg sind längst verstrichen und wir stehen zwischendurch immer wieder im Stau. Rührend macht sich der Taxifahrer Gedanken, ob wir noch alle einmal im nächsten 7-11-Shop auf die Toilette gehen wollen, da die Fahrt noch länger andauern wird. Aber wir sind alle zu müde und wollen nur noch ohne Zwischenstopp nach Hause.

Das Beben und die Auswirkungen des Tsunami werden immer wieder im japanischen Fernsehen gezeigt. Der Taxifahrer blendet in seinem Navi zwischendurch die schrecklichen Bilder des Unglücks ein. Im Radio laufen, ohne Unterlass, die Warnungen für weitere Tsunamis und für die jeweiligen Regionen die zu erwartenden Pegelstände.

Die meiste Zeit fahren wir unterhalb den Betonstelzen einer Autobahn entlang. Alle Highways sind gesperrt, es bleibt nur das Fahren durch entlegenere Viertel und kleinere Straßen. Jetzt, in Sicherheit und auf dem Weg zur Familie und nach den immer wieder kehrenden Bildern auf dem Monitor über das Beben und den Tsunami, wird uns die Gefahr, in der wir uns befunden haben bewusst. Immer wieder ruft der junge Fahrer aufgeregt „Sugoi, Sugoi“, dass nicht wirklich zu übersetzen ist, aber am ehesten noch mit „cool“ oder „wow“ zu beschreiben ist. Jedes Feuerwehrfahrzeug auf den Straßen, jedes Taxi, das uns begegnet und ein Kenneichen einer weit entfernten Meldestelle hat (wie z.B. das aus Disneyland, wo die Fahrt nach Saitama locker 50.000 Yen kosten wird, wie uns der völlig aus dem Häuschen geratene Taxifahrer berichtet), jedes Szenario auf dem Monitor wird mit lautem „Sugoi“ von ihm kommentiert. Was am Drama der Menschen, an Feuerwehren und teuren Taxifahrten cool sein soll, können wir nicht ganz so nachvollziehen. Vielmehr machen mir die vielen Betonstelzen Sorge, die vielleicht bei einem der vielen Nachbeben über uns zusammenbrechen könnten.

– – –
Anmerkung von Mari:
„sugoi“ sollte besser übersetzt werden mit „unfassbar, ein Schreck, unvorstellbar“
[Danke für den Hinweis, liebe Mari]
– – – –

Gegen 2:30 Uhr kommt das Taxi endlich in Denenchofu an. Unter den letzten „Sugoi, Sugoi“-Bekundigungen (ein paar Mal für die Ginkobaumallee, dann für unser Haus und überhaupt dafür, dass er einmal in seinem Leben nach Denenchofu fahren durfte) erreichen wir sicheres Terrain. Nichts ist kaputt, alles sieht aus wie immer, endlich zu Hause. Jetzt wollen wir nur noch die Familie in den Arm nehmen und den Rest des Wochenendes die Füße hochlegen. Die Fahrt über ca. 45km hat uns genau 17.000 Yen gekostet (ca. 160 Euro), was dem Fahrer noch ein letztes „Sugoi“ entlockte, da es eine gerade Summe ist, und als Dankeschön schenken wir ihm noch eine Packung Kekse, das Einzige, was wir auf die Schnelle finden können. Er soll sich auf den Weg zurück zur Saitama Super-Arena machen, um unsere Freunde aufzugabeln. Da allerdings auf der Gegenfahrbahn während der gesamten Fahrt der Verkehr so dicht war, steht eine stundenlange Rückfahrt zu befürchten.

Kaum nach Öffnen der Haustür schon der Schock: Wir müssen Tokyo verlassen, in einem Kernkraftwerk droht eine Kernschmelze. Von dieser Gefahr hören wir jetzt das erste Mal. Sofort kommen die Bilder und Gefahren der Tschernobyl-Katastrophe in uns auf. Das die Adrenalinzufuhr sich nochmals steigern kann, ist kaum vorstellbar. Das Auto steht startbereit vor der Tür, ein paar Anziehsachen sollen noch auf die Schnelle gepackt werden, Ausweise, Hundefutter, dann den Sohn von seiner Notunterkunft abholen und los geht es.

Die Firma hat bereits zweimal angerufen und uns, aufgrund der drohenden Kernschmelze und der radioaktiven Bedrohung, zum Verlassen des Großraumes Tokyo aufgefordert.

Ziel unserer Fahrt: einfach nur südwestlich, so viel Abstand zu Tokyo zu erlangen wie nur irgend möglich. Der Tomei-Expressway ist glücklicherweise befahrbar und die Straßen sind relativ frei. Als Zwischenziel im Navi geben wir die Berge rund um den Fuji ein.

Stundenlanger Stau auf dem Tomei-Express: Aufgrund von Tsunamiwarnungen kann der Abschnitt entlang der Küste nicht befahren werden, alle Fahrzeuge müssen in Höhe der Stadt Fuji die Straße verlassen. Es geht nur noch nordwestlich auf der Straße 139 durch die Berge weiter. Wir durchfahren die wunderschöne Landschaft der Minami Alps: sanft hügelige Wiesen am Wegesrand, Farmen mit Kühen und Pferden, schönes Bergpanorama. Allmählich fühlen wir uns etwas sicherer. Aber ans Fotografieren ist nicht zu denken. Erst jetzt realisiere ich, dass ich (entgegen sonstiger Gewohnheit) so gut wie keine Aufnahmen gemacht habe. Die Nachrichten, die wir via iPhone bei SPIEGEL Online lesen sind mehr als Besorgnis erregend: Druck im Reaktorblock I erheblich angestiegen; japanische Regierung entscheidet über Evakuierung innerhalb einer 10-km-Zone rund um das Kraftwerk Fukushima Daiichi.

Freunde aus Deutschland senden uns diese Meldung zu: In Fukushima ist das Dach eines Reaktorblockes eingestürzt — Kernschmelze steht bevor. Uns wird immer unwohler, welche schlechten Nachrichten müssen wir noch erwarten?

Vor mehr als 10 Stunden sind wir mitten in der Nacht aus Tokyo rausgefahren zusammen mit einer Familie aus der deutschen Community. Auf dem Chuo-Expressway entscheiden wir uns für einen Rastplatz mit Bick auf den Lake Suwa in der Präfektur Nagano. Bis nach Nagoya, der Stadtmit dem nächsten Internationalen Flughafen, sind es noch etwas mehr als 200 km. Japanische Familien machen auf dem Rasthof Pause, holen ihre O-Bentos heraus, sehen aus wie Reisende an einem beliebigen Tag. Keiner hat das Auto voll gepackt wie wir, alle scheinen sehr entspannt und unbesorgt zu sein. Da wir seit Freitag morgen wach, aufgeregt und auf den Beinen sind, ist Erholung dringend notwendig. Per iPhone suche ich ein Hotel unmittelbar am Lake Suwa heraus, wir wollen uns ausruhen und am nächsten Morgen entscheiden, wie es weiter gehen soll.
Unsere Zimmer beziehen wir im 10. Stock, was uns aufgrund immer noch zahlreicher Nachbeben gar nicht gefällt. In der Hotellobby klirrt das Glas zweier großer Kronenleuchter immer wieder hin und her, also täuschen uns unsere wackeligen Beine nicht. Für Nagano wird im Internet ein Nachbeben der Stärke 6.0 gemeldet. Ein befreundeter Japaner warnt uns per Telefon vor weiteren schweren Nachbeben in der Präfektur Nagano.

SPIEGEL Online meldet Explosionen im Reaktor Fukushima Daiichi / die Evakuierungszone rund um Fukushima Daiiachi wird auf 20km ausgeweitet / erstmalig werden radioaktive Isotope (Caesium, Jod) in der Umgebung gemessen / Berichte in den japanischen und ausländischen Medien darüber, ob bereits eine Kernschmelze eingesetzt hat oder nicht, sind sehr gegensätzlich / keiner weiss genau, was wirklich los ist.

Telefonisch informiert uns die Firma, dass ein Flug für den nächsten Vormittag ab Nagoya gebucht sei. Von vielen Freunden aus der deutschen Community wissen wir, dass sie mittlerweile ebenfalls in Nagoya im Marriott-Hotel angekommen sind und auf ihre Flüge warten. Die Situation ist folgende: Sofort nach Nagoya fahren oder erst am folgenden Morgen? Wie entwickelt sich die scheinbar sehr ernste Lage am Kernkraftwerk Fukushima? Nach kurzer Krisensitzung der zwei Familien beschliessen wir, trotz totaler Müdigkeit unvermittelt ins südlichere Nagoya zu fahren. An der Hotellobby stehen wir, eine total verheulte Familie und bittet die Angestellten um Unterstützung bei der Suche nach einem Pet-Hotel. Der vor wenigen Minuten noch munter im See badende, noch immer nasse aber glückliche Hund muss sofort untergebracht werden. Alles ist klar, dass wir einen 36kg-Hund nicht im Reisegepäck mit an Bord bekommen. Da wir uns in der Millionenstadt Nagoya nicht auskennen und eventuell Stunden herumirren würden, entscheiden wir uns (schmerzvoll und unter tausend Tränen) zur überhasteten Unterbringung unseres Hovawart-Rüden. Glücklicherweise ist in unmittelbarer Hotelnähe ein klitzekleiner Hunde-Beauty-Salon bereit, den für japanische Verhältnisse, sehr großen Hund bei sich aufzunehmen. Stolze 6.000 ¥ ist der Tagessatz, wir wissen in dem Moment nicht, ob wir den Hund jemals wieder sehen werden. Schnell die Koffer aus dem Hotelzimmer holen und auf geht es im Konvoi zur Weiterfahrt nach Nagoya (weitere 200 km Autobahn liegen vor uns) und der Abreise nach Deutschland.

…wir sind auf der Flucht…. mussten den Hund im japanischen Pet-Hotel zurücklassen… sind bald beim Flughafen in Nagoya (Süd-Westen in Richtung Kyoto, also hoffentlich weit genug weg, ca. 600 km vom Reaktor)… Kinder sind traurig, verwirrt und ängstlich, wir alle wollen eigentlich unser lieb gewonnenes Zuhause nicht verlassen… sind hoffentlich morgen in D… drückt alle die Daumen!

Den Weg zum Marriott-Hotel finden wir nicht auf Anhieb. Es liegt laut Navi immer noch mehr als 40 Minuten vom Flughafen entfernt und wir sind in Sorge, ob wir am kommenden Morgen ebenso freie Fahrt auf der Autobahn haben werden wie derzeit. Also entschließen wir uns den Hinweisschildern zum Flughafen zu folgen. Die Gegend um Nagoya ist ein einziges Stadtgeflecht aus Beton. Allerdings sehen wir von der Autobahn aus moderne Hochhäuser, einen weißen Tempel, der auf einem Berg stehend in der Nacht beleuchtet, über der Stadt strahlt und die scheinbar nicht enden wollende Route bis zum Flughafen, der auf einer künstlich aufgeschütteten Insel in der Ise Bay im Pazifik liegt.

Am Samstagabend gegen 22:00 Uhr treffen wir am Airporthotel in Nagoya ein. Zum Glück sind noch einige wenige Zimmer für unseren kleinen Fluchtkonvoi vorhanden. Auch wenn wir mit einem Raucherzimmer und die anderen mit einem Zwei-Bettzimmer für vier Personen vorlieb nehmen müssen. Hauptsache erst einmal ausruhen. Der Flug ab Nagoya ist für Sonntag kurz nach 11:00 Uhr vorgesehen. Zwischenberichte über Handy und Facebook signalisieren uns, dass viele andere Deutsche ebenfalls in Nagoya angekommen sind und am nächsten Tag abfliegen sollen. Jetzt erst wird mir bewusst, dass ich seit Freitag früh in denselben Klamotten stecke, eben solange keinen Schlaf hatte und dringend eine Dusche benötige.

Noch immer haben wir nicht von allen Freunden eine Rückmeldung, so dass uns ihr Schicksal noch ungewiss ist. Einige mutige wollen erst mal abwarten und in Tokyo bleiben. Von den meisten haben wir aber zwischen zeitlich einen Abreisestatus erhalten. Andere Familien mussten ebenfalls ihre Vierbeiner in einem Pet-Hotel unterbringen. Sicherlich sind da ebenso viele Tränen geflossen, wie bei uns.

12. März 2011, Anruf in der Nacht (02:15 Uhr) von Keike aus Amerika; an weiteren Schlaf
ist leider nicht mehr zu denken. Ständig geht das „Was wird sein?“ und „Was ist, wenn?“ durch den Kopf. Wichtigste Informationsquelle ist nach wie vor SPIEGEL Online.

Nach und nach werden die wirklichen Ausmaße der Tsunami-Katastrophe bekannt. Es wird derzeit mit mehreren tausend Toten und ca. 10.000 Vermissten gerechnet. Ganze Landstriche an der Küste der Präfektur Miyagi sind verwüstet, die Tsunami-Wassermassen sind z.T. mehrere Kilometer tief ins Landesinnere vorgedrungen. Übrig geblieben ist jede Menge Schutt und das große Elend der überlebenden Menschen.


Nach wie vor: Wir lieben Tokyo!
Auch wenn Tokyo — aufgrund von gezielten Stromabschaltungen und Energiesparmaßnahmen — nicht immer so glitzert und funkelt in der Dunkelheit wie auf diesem Bild [aufgenommen am 29.12.2009 vom Tokyo Tower], wir haben diese Stadt und ihre Bewohner einfach lieb gewonnen. Ganz nach dem Motto der Feuerwehr Tokyo, die auf JEDEM Fahrzeug mit ihrem Maskottchen Kyuta-kun und dem Spruch „LOVE TOKYO“ wirbt.

Jetzt, nach mehr als 3 Wochen nach dem großem Beben, dem alles vernichtenden Tsunami und der leider immer noch nicht endenden atomaren Katastrophe in Fukushima Daiichi, sind wir erst wirklich in der Lage die Situation vollends zu realisieren. Die von uns noch tagelang angeblich wahrgenommenen Erdbeben auf deutschem Boden (ein Gefühl wie nach einer langen, heftig schaukelnden Schifffahrt wieder an Land zu sein) lassen nach. Der Alltag kehrt ein, die Kinder gehen zur Schule, die wichtigsten organisatorischen Schritte sind eingeleitet, der Hund ist von seiner Notunterkunft „Pet-Hotel“ auf‘s Land zu seiner gewohnten Ferienunterkunft umgezogen, wo er Auslauf hat, mit anderen Hunden toben kann und ab und an im See baden kann.

Rückblickend lässt sich feststellen, dass es am Schlimmsten war, die Ungewissheit aushalten zu müssen (wie geht es unseren Freunden, was wird, wie geht es weiter, können wir unser Leben in Tokyo fortführen, werden wir unseren Hund jemals wieder sehen, was ist mit all unseren persönlichen Gegenständen und wichtigen Dokumenten, die wir zurücklassen mussten?) — diese Phase des Nichtwissens ist ja noch nicht beendet. Auch das stetige auf und ab des Adrenalinspiegels, das gefühlsmäßige Hin- und Her zerrte gewaltig an den Nerven. Hinzu kommt die Frage nach der Wiederöffnung der Deutschen Schule Tokyo Yokohama (DSTY), in diesem Punkt ist derzeit noch alles offen. Für die angehenden Abiturienten und alle Schüler/-innen der Oberstufe eine exentielle Frage. Die ersten zwei Wochen „nach der Flucht“ vergingen wie im Fluge, keiner von uns konnte ernsthaft einordnen, ob wir vor zwei / drei Tagen oder vor zwei Wochen zuletzt in Tokyo waren. Alles ist aus den Fugen geraten.

Mehr als skurril und unwirklich war es bereits am 12. März bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein „auf der Flucht“ durch ein vollkommen normal wirkendes Japan (Süd-Honshū) zu fahren, die Menschen gehen ihrem Alltag nach und keiner (bis auf wir Ausländer, die wir nur einfach „raus“ aus dieser Katastrophe wollten) gerät angesichts der drohenden Katastrophe in Panik. Jetzt blüht der große, alte Kirschbaum vor unserer Haustür. Auch das scheint mehr als unwirklich — die Welt berichtet von den Winden, die auf Tokyo zuziehen und Strahlen mitbringen könnten, die Medien berichteten von verseuchtem Wasser im Norden Tokyo‘s [dabei belegen regelmäßige Messungen verschiedener Institutionen, staatlich aber auch von unabhängigen Stellen, dass die derzeitige Strahlenbelastung UNTERHALB der durchschnittlichen natürlichen Strahlung in Deutschland liegt — es besteht derzeit KEINE Gefahr einer Kontamination im Raum Tokyo / Yokohama].

Unser Kirschbaum blüht also auch in diesem Jahr, wird es wohl auch noch viele Jahre lang tun und ist somit ein hoffnungsvolles Zeichen, das sich die Welt nach dem großen Beben, dem verheerenden Tsunami und der Fukushima-Katastrophe weiterdreht.


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