Maikaefer's Weblog


Alles Plastik, Müll und kein „follow the rules“
September 10, 2009, 5:42 am
Filed under: Japan - wir kommen... | Schlagwörter: , , , , , , , ,

muell_kleinJapan ist in Sachen Plastikverbrauch wohl die unangefochtene Nummer eins in der Welt. Im Plastikwahn überflügeln die Japaner locker die schon verrückten Amis, die im Supermarkt mit Plastiktüten bekanntlich nicht geizen. Wir haben in unseren ersten vier Wochen schon Unmengen an Plastiktüten angesammelt, obwohl wir an den Supermarktkassen immer wieder versuchen mit einem freundlichen „kekkou desu“ und dem Vorzeigen unserer ökologisch korrekten Baumwolltaschen herumwedeln… Alles wird mehrfach in durchsichtige Beutel verpackt, obwohl schon eingeschweisst, umwickelt oder einfach in Glasflaschen… Was nicht in Plastik steckt ist anscheinend nichts wert. Folglich dauert es nicht lange und im Haus droht unsere Müllmenge bedrohlich anzuschwellen.

apfel_kleinIrrsin pur: Äpfel, Birnen, Pfirsiche etc. sind alle einzeln im Laden erhältlich (teuer, riesig groß und schmecken eher bescheiden). Ganz wichtig aber ist die drapierte Deko-Schale, die jedes Stück Obst ertragen muss, dazu wird das ganze an der Kasse noch extra in durchsichtige Plastiktüten gesteckt!  Um ja nicht Energie einzusparen, müssen alle Abfallartikel gut gespült und (nach einem für uns als Gelbe-Punkt-Mülltrenner irrwitzig erscheinenden System) getrennt sortiert werden. Man ahnt es fast schon: alles fein säuberlich in PLASTIKTÜTEN an die Straße stellen oder in einem kleinen Mülloskar (ebenfalls in Plastiktüten) deponieren. In jeder Straße gibt es einen bunt beklebten Strompfosten mit den Terminen für die Müllabfuhr. Hier stellen die Anwohner pünktlich bis 8.00 Uhr morgens ihren Müll ab.

muell-pfosten_kleinDas Plakat am Strommasten vor unserem Grundstück sieht eigentlich sehr überschaubar aus und bietet eine gute Gelegenheit, um sich mit den Nachbarn über das Müllsammelsystem auszutauschen. Bis auf einige japanische Nachbarn, die stur ihren „Durchsehblick“ einschalten oder schüchtern zu Boden schauen und somit jeden Kontaktversuch zum Scheitern verurteilen, gibt es noch die Vermieterfamilie und unsere direkten Nachbarn im Court, die alle Englisch sprechen. So trifft man sich mindestens dreimal die Woche zum Smaltalk am Müllpfosten. Als ordentliche Japanerin fegt die Landlord-Lady jedes Blatt einzeln auf (gefühlte 5x am Tag wird in einem japanischen Haushalt die Straße gefegt) und nimmt sich auch den Müllbeuteln an, die von den uneinsichtigen Gaijins zum falschen Zeitpunkt an die Straße gestellt wurden, da es ihr peinlich sei so aufzufallen… Trotz beflissentlichen Studiums der Müllunterlagen aus dem Ota-ku gelingt es uns immer noch nicht, das komplizierte Trennsystem der Japaner zu durchschauen, weil sie sich selbst nicht an die Vorgaben halten. Am morgenlichen Bustreff (dieser steht bereits 15 Minuten vor Abfahrt an der Haltestelle und die deutschen Mamis und Papis winken jeden Morgen ihren Kindern zu, als würde es auf lange Klassenfahrt gehen und nicht in die 20-Minuten entfernte Schule nach Yokohama…) erfahren wir erleichtert, dass auch andere ‚Neue‘ sich noch nicht ganz mit der japanischen Müllabfuhr angefreundet haben.

muell_2_kleinmuell_1_kleinmuell_3_kleinGerade heute morgen muss ich mit ansehen wie die fein säuberlich geschnürrten Papierpakete, diverse Plastiktüten und Kompostabfall von den Müllmitarbeitern in den blauen Müllwagen, der nicht einmal halb so groß ist wie das deutsche Pendant, kippen. Dies erinnert mich an eine Situation 1998 direkt vor der großartigen Szenerie des Grand Canyons: Staunend registrieren wir, dass es drei Mülleimer für Plastik, Papier und anderes in Amiland gibt und loben insgeheim die unerwartet ökobewussten Amerikaner. Fast im selben Moment kommt ein schlaksiger junger Mann mit seinem Parkauto an, Typ californischer Surfer. Zu unserem Entsetzen kippt er alle drei Eimer wahllos auf die Ladefläche seines Fahrzeuges. Da die Japaner alles mit Vorliebe von den Amis übernehmen (und am Grand Canyon gab es ja zahlreiche japanische Touristen, die alles mit ihren Kameras festgehalten haben), ist wohl davon auszugehen, dass die Canyontouristen diese Mülltradition in ihrem Heimatland übernommen haben…

Bislang haben wir viele Regelverstöße der Japaner registriert, sei es, dass sie sich nicht an die Angaben zum ordentlichen Verpacken ihres Papiermülls halten (alles 30x sortiert in fein säuberlich gestapelte Päckchen geschnürt) und ganze, ungefaltete Kartons an die Straße stellen, sei es, dass sie ihre eigene Regel, links zu gehen, nicht einhalten und uns immer wieder auf dem Bürgersteig und an Treppen damit verwirren, sei es, dass sie trotz eindeutiger Schilder mit ihren Fahrrädern im Verbotsbereich radeln, oder den Müll am Fluss zu deponieartigen Türmen stapeln, das Halteverbotsschild am Bahnhof grundsätzlich nicht sehen können, ihre Hunde am Fluß ohne Leine laufen lassen, obwohl Leinenzwang besteht, die Schilder am Boden jedes Grünstreifen übersehen, die mit Kanji aber auch bebildert anzeigen, dass Hunde hier nicht das Bein heben dürfen, als Autofahrer die Fußgänger zufälligerweise nicht gesehen haben, für die sie eigentlich abbremsen und anhalten müssten, mit den Fahhrädern nur auf der linken Fahrbahn fahren und als Fußgänger nur an der rechten Straßenseite gehen dürfen und und und. Da sind wir schon von den als pflichtbewusst geltenden Japanern enttäuscht. Hat doch direkt bei der Einreise am Flughafen das Schild uns eindeutig dazu aufgefordert, mit ‚follow the rules‘ die Regeln dieses Landes einzuhalten.


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