Maikaefer's Weblog


Kois,Lärm und Ehrlickeit
Oktober 5, 2009, 12:48 am
Filed under: Japan - wir kommen...

rondell_1_kleinrondell_2_kleinrondell_3_kleinAuf dem Weg vom Schulbus zum Haus werde ich vom Lärm am Rondeel angezogen: Die kleine Teichanlage vor dem Bahnhof in Denenchofu wird (rechtzeitig bevor die Blätter abfallen) gesäubert. Die Koi’s, die hier normalerweise ihre Runden ziehen, werden mit Netzen eingefangen und in ein kleines türkisfarbenes Plantschbecken verfrachtet. Anscheinend geht in Japan nichts ohne Lärm. Es wird im Zusammenhang mit Japan oft das Wort Kakophonie verwendet, das den Kern der Sache ganz gut trifft.

[Wikipedia sagt dazu: Der Begriff Kakophonie bzw. Kakofonie (v. griech. κακός (kakós): schlecht, φωνή (phōné): Laut, Ton, Stimme) bezeichnet in der Musik und Literatur Laute und Geräusche, die besonders hart, unangenehm oder unästhetisch klingen]

Dennoch erscheint mir dieses Wort ziemlich abgedroschen. Hier der Versuch, es auf andere Art und Weise auszudrücken: Schreiende Japaner stehen auf dem Baseballfeld, gröhlen lautstark vor sich hin, aus dem Publikum ertönen Schlachtrufe, die Mannschaft steht still auf dem Rasen, nichts passiert – viel Geschrei für nichts. Fast täglich begegnen uns in den Straßen Lautsprecher-Autos, die ihre Parolen (besonders stark und nervig, da ununterbrochen, direkt vor der erst kürzlich stattgefundenen Wahl) blechern, wie im Mantra wiederholend und eben sehr laut durch die Straßen senden. Lautstark Telefonierende, die ihre Hand schützend vor ihr Handy halten und dennoch in erststaunlicher Weise lärmverbreitend telefonieren, gackern, kichern und „Ach so, so, so“ ins Handy stöhnen. Piepsen am Bahnhofsein- und Ausgang, auf dem Bahnsteig, bevor sich die Türen automatisch schließen. Durchsagen in der Bahn, die die Fahrgäste daran erinnern sollen, ihre Handys auszuschalten etc. Täglich um fünf erschallt aus den Lautsprechern entlang der Straße ein einlullerndes Liedchen, dass, so hören wir, früher dazu diente, die Kinder zu ermahnen rechtzeitig nach Hause zurückzukehren. Die Wochenend-Disco am Flussufer, bei der sich überwiegend junge Japaner und Japanerinnen in aufgebauten Zelten, mit Grill und einer Mega-Soundanlage unter der Brücke am Tamagawa einfinden, um den ganzen Bezirk mit ihrem Beat zu beschallen. Pachinko-Hallen, die ihre amerikanischen Vorbilder aus Las Vegas in puncto penetrantischem Geduddel ungeniert in Grund und Boden stampfen mit dem aus den sich öffnenden Schiebetüren entlang der Straßen quellenden Lärm. Baustellenmitarbeiter, die an der Straße den einspurig fahrenden Verkehr regeln sollen, da ein Lastwagen abgeladen wird. Auf einer Distanz von nicht ganz 15 Metern müssen deshalb zwei Männer mit Leuchtschwertern à la ‚Star Wars‘ die Autos durchwinken. Zur Abstimmung drehen sich sich nicht etwas um, um zu schauen ob der Kollege ein Auto durchlassen möchte, nein, sie sprechen mit ganz wichtiger Miene pflichtbewusst und lautstark ihr ‚jise-kehakawetsui-hekusodo-gaji####‚ in ein am Revers hängendes Walkie-Talkie!

Also muss wohl auch im beschaulichen Denenchofu bei Arbeiten am Fischteich ein erheblicher Lärm produziert werden. Das scheint japanische Bürgerpflicht. Am Abend ziehen dann die Fische wieder ihre gewohnten Runden und die Bürger können sich am sauberen Wasser erfreuen. Verwunderlich ist allerdings für uns immer noch, das Kois hier – ganz unbedenklich – in vielen Miniteichen, vor oder unter dem Haus, in öffentlichen Anlagen, in kleinem Wasserfall direkt am Bürgersteig etc. ohne jegliche Absicherung (sprich Klauschutz) ihre Bahnen ziehen. Diese Fische sind jedenfalls in Deutschland sehr wertvoll und wären schon am nächsten Tag nicht mehr an Ort und Stelle, wenn ein Europäer auf die Idee käme, in seinem Zuhause, öffentlich zugänglich vor der Grundstücksmauer, einige Prachtexemplare von Kois schwimmen zu lassen. Es muss also etwas dran sein an der für Japaner bekannten Ehrlichkeit. Unsere klischeehaften Vorstellungen von ‚den Japanern‘ sind einerseits überholt und im selben Moment wieder unerhört zutreffend…


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