Maikaefer's Weblog


Fazit: ein Jahr leben in Tokyo – schrecklich, schön-schrecklich oder doch überraschend gut?
Juli 15, 2010, 3:40 am
Filed under: Japan - wir kommen...

Jetzt geht dieser Blog in die Sommerpause – es ist einfach zu heiss und die Luft ist zu feucht, als das mein Rechner in diesen Wochen arbeiten möchte… Zeit für ein Fazit nach einem Jahr Leben in Tokyo.

Das vermissen wir in jedem Fall…

schon jetzt: Service beim Einkaufen, Höflichkeit der Menschen und Rücksichtnahme, die schier unglaubliche Auswahl an Restaurants und Shoppinggelegenheiten sowie an Café’s, die niedrige Kriminalitätbereitschaft als auch die absolute Zurückhaltung japanischer Männer, die es jungen Mädels ermöglicht unbelästigt Bahn fahren und auch spät Abends unbehelligt durch die Straßen gehen zu können, werden wir in jedem Fall, wenn wir wieder zurück in Deutschland sind, vermissen. Soviel steht schon jetzt fest.

Immer noch unglaublich für uns die Tatsache, dass viele Japanerinnen ihre Handtaschen sperrangelweit offen stehen lassen. In der Bahn möchte man gerne die Damen ansprechen und bitten, auf ihre Geldbörsen zu achten, aber hier in Japan kann man alles entspannt liegen lassen (alles bis auf Müll, der schnell entsorgt wird). Usus ist es im Starbuck sich mittels seiner platzierten Handtasche, die dann zumeist auch weit geöffnet ist, sich bei Eintritt in das Café einen Platz zu reservieren. Dann geht man seine Bestellung am Tresen aufgeben – die Handtasche, nicht allzu selten ein sündhaft teures Exemplar – wacht über sich, über den reservierten Tisch und bleibt garantiert an ihrem Fleck! In vielen anderen Ländern der Welt ein Ding der Unmöglichkeit.

Massen an Menschen, Service und die japanische Höflichkeit

Die Millionen an Japanern, die sich im Tokyoter Großraum drängen, sind in der Masse oft schwer zu ertragen. Im anonymen Gedränge der Hauptverkehrszeiten vergessen sie alle Cointenance beim Bahnfahren und schubsen, drücken, schieben was das Zeug hält. Auch Autofahrer können gut und gerne vor lauter demütigendem Absenken aufgrund des westlich geprägten, aufdringlich und direkten Blickes in die Augen beim besten Willen einfach den die Straße queren wollenden Fußgänger nicht bemerken. Das ist oft sehr nervig. Einfach viele Verhaltensweisen des japanischen Volkes sind anstrengend, zumal man ihnen unschwer entkommen kann. Szenen wie das Rotzen in der Bahn, lautem Hochziehen der Nase, unappettitliches Schlürfen im Restaurant, Dreistigkeit beim Gehen kreuz und quer über die Straßen, bei Fahrradfahrern, die blitzschnell die Berge hinabsausen, oft ohne Licht in der Dunkelheit und ohne Einblick in die Straße, und dabei die Zehen der Fußgänger nur knapp verfehlen. Anstrengend ist aber auch, das ewige „Gebuckele“ (untertäniges Verbeugen scheinbar höher gestellten oder angeseheneren Personen gegenüber) und die Unterwürfigkeit mit ansehen zu müssen. Wenn man im Laden, weil man nett und freundlich sein will, nach dem „arigato gozaimashita“ der Verkäuferin (und einem unterwürfigen Buckeln) noch ein paar nette Worte zum Abschied sagen will und damit wieder ein Prozedere des ehrerbietigen Verbeugens auslöst, dann wünscht man sich manchmal zurück in Deutschland. Aber nur solange, bis man auf dem Parkplatz wieder von freundlichen Helfern auf die Straße gewunken wird…

Autofahren in Japan

Kaum Hupen und keine fluchenden und ‚Vogel‘ zeigenden sowie Tiraden schimpfende Autofahrer, selbst in langen Schlangen (ob auf der Autobahn, auf dem Parkplatz oder im Stau) bleibt der gemeine Japaner ruhgig, setzt seine Buddhamiene auf und greift, als höchsten Gefühlsausbruch, einfach nur zum Handy. Autofahren ist hier insgesamt sehr entspannt, trotz der unsagbaren Enge auf den meisten Straßen, der vielen Betonmäste am Fahrbanrand und der für uns nicht immer verständlichen Straßenverkehrsregeln. Im Zweifel einfach anhalten, irgendwie geht es schon gut. Erstaunlich wie an Mautstellen sich die Autos von drei Fahrspuren aus auf bis zu 12 Mautschranken und anschließend wieder auf drei Fahrspuren verteilen. Selbst im dicksten Stau und im himmellosen Durcheinander haben wir noch keinen Unfall beobachtet. Alle fahren kreuz und quer, aber nehmen Rücksicht und sind dem Anderen gegenüber höflich – und es klappt!

Jedoch ist die Situation für Fussgänger nicht ganz so beruhigend. An Zebrastreifen halten die allerwenigsten Japaner an, die weißen Streifen sind eher nur als Zierde zu sehen, um das Stadtbild zu verschönern. Bürgersteige sucht man oft vergeblich und wenn vorhanden, dann sind es – aufgrund baulicher Fantasie und vielen Unebenheiten – die reinsten Stolperfallen.

Als Fahrradfahrer entgehen wir bei jeder Fahrt nur knapp mindestens drei Katastrophen. Ohne Umdrehen auf die Straße rennende Japaner sind genauso gefährlich wie rücksichtslose Autofahrer. Die vielen Hügel und steilen Berge machen das Abenteuer ‚Fahrrad fahren‘ auch nicht risikofreier. Eine Straße, die laut Schild ein Gefälle von 24% aufweist, mit dem Fahrrad herunterzufahren, dabei auf kreuzende Fußgänger, aus Ausfahrten schießende Autos und unendlich vielen Mofas Rücksicht zu nehmen ist ein aufregendes Erlebnis.

Mode der Tokyoter Damen

Oft sieht es so aus, als ob die ADO-Spitzengardinen, die in den 70’er Jahren massenweise deutschte Wohnzimmer verschönert haben, irgendwie ihren Weg als Kleiderspende nach Japan gefunden hätten und heute zu Röcken, Blusen, Schlapphüten oder langen Handschuhen verarbeitet wurden und im Kampf gegen die Sonne und zur Bewahrung der vornehmen Blässe dienen. Dann überwiegen gediegene Kostüme und biedere Anzüge, vornehmlich in schwarz, das Straßenbild. Businessmen und Officeladies quillen tagsüber aus allen U-Bahnschächten heraus und dominieren das Stadtbild. Dicht gefolgt von sehr vornehmen, sehr teuer gekleideten, allerdings auch eher bieder angezogenen feinen Damen mit Hochhackschüchen, Sonnenschirm und mitunter langen Spitzenhandschuhen. Junge Leute, wenn sie nicht mehr in der Schuluniform stecken, die oft wie aus der Mottenkiste irgendwann vor 50 Jahren aussehen, kleiden sich auffällig westlicher. Extreme Ausnahme: Shibuya-Girls und Harajuko-Stil. Oma’s sieht man reihenweise in Häkeljäckchen und natürlich mit dem obligatorischen Schlapphut, der sich durch alle Generationen (mal in Jeans, mal mit gestrickter Spitze) in Japan wie ein unaufhaltsames Virus verbreitet hat.

Was hat sich in einem Jahr geändert?

Die Haare sind definitiv länger geworden, da ich in dem vergangenen Jahr nur 1x zu einem japanischen Friseur gegangen bin. Und immer öfter esse ich zum Mittag einfach eine Schale kalten Reis, mit ein wenig Sushi-Essig verfeinert – eine Köstlichkeit besonders an warmen Tagen.

Erstaunt bin ich vor allem darüber, dass die Wandlung von ländlich geprägtem Leben in Norddeutschland in die am dichtesten besiedelte Region der Welt so gut geklappt hat. Mitunter entdecke ich bei mir sogar Züge von Begeisterung der Metropole, dem Siedlungsraum und der unglaublichen Vielfalt an urbanen Eindrücken gegenüber. Es macht Spaß, neue Gegenden zu erkunden, die Kultur zu entdecken, sich mit den vielen netten Menschen zu treffen, die wir kennen gelernt haben. Wenn man als Ausgleich für das Gedränge und die Komplexität der Stadt auch ab und an mal ans Meer fahren kann, die Ruhe eines Bambuswaldes genießen darf unf einfach mal „rauskommt“ aus dem Betondschungel, dann lässt es sich hier ausshalten. Rundherum ein positives Fazit also für unser erstes Jahr in Tokyo.


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