Maikaefer's Weblog


Taifun Roke zieht vorbei
September 22, 2011, 2:43 am
Filed under: Nach dem großen Beben




Taifun Roke, der 15. der diesjährigen Taifunsaison, hat gewütet. Bilanz: 12 Tote, Hunderttausend Evakuierte, die vorübergehend in Notunterkünften ausharren mussten. West- und Nordjapan sind vom Taifun Roke betroffen, Sturm und heftige Regenschauer inklusive, wie vorhergesagt. Weite Teile Nagoyas standen unter Wasser, in Tokyo liegen umgefallene Bäume in den Parks und auf den Straßen. Die Deutsche Schule hatte aufgrund der Unwetterwarnung am Nachmittag geschlossen, so dass alle Schulkinder mit dem ersten Schulbus nach Hause fahren mussten. Andere Internationale Schulen informierten ihre Schüler schon am Morgen, dass für heute der Unterricht taifunbedingt ausfalle. Züge standen still, Flüge wurden gecancelt, Atomkraftwerke wurden vorsichtshalber heruntergefahren und Toyota hat eine Fabrik für einige Zeit stilllegen lassen und die Mitarbeiter frühzeitig nach Hause geschickt — wie auch viele andere Firmen es getan haben.

Alles in allem ist der Taifun dennoch glimpflich verlaufen. Nach dem Abflauen geht es spätabends endlich, das erste Mal für länger als zwei Minuten an diesem Tag, noch mit dem Hund raus. Die Luft ist angenehm kühl und klar. Noch vor zwei Tagen schwitzten wir bei 37˚C und Sonnenschein. Jetzt sind es ganze 17˚C weniger. Auf der Straße liegen jede Menge Blätter und Äste, im Horai-Park ist eine ehemals 30 Meter hohe Kiefer umgestürzt, liegen so viele Blätter und Zweige auf den Wegen, dass man diese nicht mehr erkennen kann. Der Hund ist begeistert, so viele Äste zum Knabbern, Kiefernzapfen zum Spielen und Herumtollen. Er kommt sich vor wie im Paradies. Wenn er wüsste, dass bereits für den nächsten Tag wieder Temperaturen um die 30˚C angekündigt sind und das der Parkfeger schon bald all die herrlichen Spielzeuge in Form von Ästen beseitigt haben wird. Rund um den Park liegen so viele Blätter auf der Straße, dass die Autos nur im Schrittempo fahren können und es unter ihren Rädern knirscht und knackt. Die Luft ist erfüllt vom ätherischen Duft der lorbeerartigen immergrünen Bäume, die vorwiegend im Park wachsen und deren von den Autos zermalmten Blätter jetzt diesen eigentümlichen Geruch freisetzen. Irgendein Komiker hatte anscheinend den Wetterbericht nicht verfolgt und seinen Müll für den nächsten Tag schon an die Straßenecke gestellt. Nun wehen Plastiktüten durch die Gegend und auf dem Asphalt liegen mehrere Haufen graubraunen Breis, die Hinterbliebenschaften von vom Regen aufgeweichten Pappkartons, die inzwischen mehrfach überfahren wurden.

Doch Japan wäre nicht Japan, wenn nicht nach jedem Sturm schnell wieder kleine, krummbuckelige Omis oder ordentlich frisierte japanische Hausfrauen in altmodischen Kitteln und mit Plastikschlappen an den Füßen mit ihren winzigen Kehrbesen und den großen Müllschaufeln am Straßenrand für Ordnung sorgen würden. Und so stehen, um halb elf abends, viele fleißige Menschen an den Straßenrändern und sorgen für die gewohnte Reinlichkeit. Auf den Balkonen erwacht das Leben, Schiebefenster öffnen sich, die Menschen lugen hervor und observieren eventuelle Schäden, rücken hier und da Blumentöpfe zurecht, lassen die kühle Nachtluft in ihre Wohnungen. Anscheinend fahren auch die Bahnen wieder, denn immer mehr Businessmänner klappern mit ihren Schuhen die Hügel rauf und runter, Taxis vom Bahnhof kommend verteilen die Menschen wieder in ihre Chomes, die Straßen sind ungewohnt belebt für diese Uhrzeit.

Am nächsten Morgen wird erst richtig deutlich, wie der Sturm am Tag zuvor gewütet hat. Beim Blick aus dem Fenster sehe ich, dass das Auto begraben liegt unter Massen von Blättern und kleinen Zweigen. Das ist ein Foto wert, denke ich. Doch noch bevor ich mit der Kamera im Anschlag vor der Haustür stehe, hatte unsere Vermieterin wieder einmal ihre Finger im Spiel.

„Oi deshita, ne“ (so in etwa: schlimm, nicht war?) fragt sie und verbeugt sich mehrmals.
Obwohl sie ganz passabel Englisch sprechen kann, verfällt sie immer wieder bei Konversationen in ihre Landessprache, seitdem ich, aus reiner Höflichkeit, versuche ihre Fragen in Japanisch zu beantworten. Schnell zupft sie die letzten Blätter von der Windschutzscheibe und stopft diese in ihre raschelnde Mülltüte.


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