Maikaefer's Weblog


Busfahrt nach Miyagi

(Ishwar Chugani, Universal Brotherhood / Yokohama, Japan):
„This week on 16th of July we are going to Kesennuma Shiritsu Koizumi Chugakko in Miyagi Prefecture. Due to long week end and summer festivals, we expect some traffic on the way to Kesennuma. Looking forward to another day to serve delicious Indian curry to the students, evacuees and residents living in temporary homes in the vicinity. Since they do not have facilities to cook their own rice we have planned to prepare hot UDON on the spot with curry to around 300 evacuees.

After distributing the curry we will personally hand over ladies bags and men’s waist pouches to the evacuees staying at the Nango Taikukan evacuation center of Misato Machi in Miyagi Prefecture.“

16.07.2011
Fahrt nach Miyagi

4:50 Uhr
Ankunft auf dem unteren Parkplatz (Tenniscourt) am YCAC – mit an Bord der Direktimport vom Roppongi Nightlife, müde und mit einem Coffee-to-go in der Hand.

5:07 Uhr
Abfahrt vom YCAC mit dem kleinen Bus der Indischen Schule Tokyo, der freundlicherweise von der Direktorin der Schule zur Verfügung gestellt wird.

5:18 Uhr
Bayshore Route, erster ETC- Halt
Der Busfahrer muss kein Bargeld zahlen, da Chugani-san, der Organisator der heutigen Busfahrt, vom Government eine Freistellung für die Autobahnmaut erhalten hat für Hilfsorganisationen, die sich im Nord-Osten Japans engagieren.

5:44 Uhr
Abfahrt von Haneda-Airport
An Bord eine bunte Mischung von Indern, Japanern, einer Spanierin und drei Deutschen.

Stau und freilaufende Kühe

Chugani-san, Organisator der Hilfsaktion und Mitglied bei Universal Brotherhood Yokohama Japan, unternimmt heute mit uns seine 16. Hilfsfahrt nach Miyagi. Seit dem 28. März sind mehr als 6.000 Portionen Indian Curry und andere Goodies an Hilfsbedürftige in Evakuierungscenter verteilt worden – jedes Mal in einem anderen Ort.

Der 643m hohe Sky Tree Tokyo’s Stadtteil Oshiage (Sumida-ku)

6:47 Uhr
Stau auf der Autobahn in Höhe Hanyu 羽生
Da es ein langes Wochenende ist (japanischer Feiertag am Montag) und in Sendai die Festival-Saison beginnt (Matsuri), ist viel Verkehr auf der Autobahn.

6:52 Uhr
Wir erreichen Gunma-Prefecture 群馬県.

7:12 Uhr
Tochigi 栃木 (die Kanji’s bedeuten „Kastanie-Baum“)
Tochigi- Prefecture 栃木県

7:52 Uhr
Die ersten freilaufenden Kühe auf weitläufigen, saftiggrünen Wiesen gesichtet. Die meisten im Bus schlafen und verpassen dabei die herrliche Landschaft: rice paddies, Gemüsefelder, jede Menge Berge über und über bezogen mit Wald und Weinbergen, hübsche alte Landhäuser in traditioneller Bauweise.

Notunterkunft in Kesenuma

8:42 Uhr
Noch 64 km bis Fukushima

8:56 Uhr
Noch 112 km bis Sendai

9:12 Uhr
Ungefähr Essen für 100 Leute an Bord – jeder reicht seine Mitbringsel herum, schon jetzt sind die meisten satt von den Leckereien aus aller Welt. Soeben wurden spicy potato bando (indisch) gereicht, noch warm, spicy und lecker.

10:04 Uhr
Tohoku-ku

11:36 Uhr
Wakanayagi-Kannari
Nach Stau an der Autobahnabfahrt noch 1 Stunde Fahrt laut Navi. Die Straße ist an einigen Stellen sehr buckelig und z.T. frisch renoviert – anscheinend erdbebenbedingt. Ansonsten sind keine Schäden augenscheinlich feststellbar. Kaum geschrieben, sehen wir am Straßenrand schon riesige Haufen Müll – Abrißreste kaputter Häuser.

11:48 Uhr
Starke Straßenschäden, immer wieder muss der Bus von der Fahrbahn abweichen. Einige Geschäfte haben provisorisch geflickte Scheiben, einige zeigen deutliche Erdbebenschäden, zum Teil sieht man abgerissene Häuser. Insgesamt sieht aber alles ok aus, scheinbar normal.

12:26 Uhr
Iwatw-ken 岩手県
am Rande der Präfekturen Iwate- und Miyagi-ken

12:33 Uhr
Ankunft in Kesenuma Shiritu Koizumi Chugakko, einem Evakuierungscenter (eine Schule mit Turnhalle und Notünterkünften für ca. 300 Personen). Nach der Dreifach-Katastrophe sind in der Turnhalle 500 Obdachlose untergebracht gewesen, viele davon konnten in provisorisch aufgebaute Häuser umziehen. Zurückgeblieben sind Alte, Waisenkinder und alle diejenigen, die nicht mal mehr den Strom in den zur Verfügung gestellten Hütten bezahlen können, die nicht arbeiten können und die vor dem absoluten Nichts stehen.



Notunterkünfte für 300 Personen

Der Eingang zum Evakuierungscenter (eine Turnhalle der Schule von Kesenuma, eines der wenigen noch stehenden Gebäude des Ortes).

Noch immer müssen viele Tsunamiopfer in solchen Notunterkünften ausharren und warten auf die Möglichkeit, ein neues Leben beginnen zu können. Vorerst bleiben ihnen nur ein paar Tatamimatten, Wohnparzellen aus Pappkarton und wenige Habseligkeiten, die sie in Plastikboxen neben ihren Futtonmatratzen stapeln. Sie haben keine Möglichkeit, sich selber Reis zu kochen und sind auf Hilfslieferungen angewiesen.

Auch in der größten Not wird noch schön die Ordnung beherrscht. Eingang und Ausgang sind genauestens geregelt, die Schuhe immer schön ausziehen und in der Toilette die Hello-Kitty-Klopuschen nicht vergessen!

Provisorischer Grillplatz aus Sperrholzbrettern auf einem Parkplatz vor dem Evakuierungscenter. Dahinter der Waschplatz, bestehend aus drei im Freien stehenden Waschmaschinen und Wäscheleinen.

Volunteers, die in Kesenuma helfen. Der Jüngste ist 10, der älteste 84 Jahre alt. College-Studenten aus Tokyo beschäftigen sich tagsüber mit den Kindern, so dass sie nach und nach das schlimme Erlebnis vergessen können. Essensausgaben werden von verschiedenen Hilfsorganisationen organisiert. Schüler der umliegenden Schulen melden sich als Freiwillige bei der Unterstützung der Menschen im Notlager.

14:50 Uhr
Abfahrt
Wir fahren direkt durch das vom Tsunami zerstörte Gebiet. Am 22. April [Quelle: wikipedia] wurden offiziell 1.196 Menschen als vermisst gemeldet und 837 Leichen registriert. Im Jahr 2010 lebten hier noch 73.403 Einwohner (überwiegend vom Fischfang und vom Tourismus).

Youtube-Videos aus Kesenuma – Fotos, wie es jetzt aussieht


Nur noch Reste einer Brücke, auf der ein zerstörtes Haus liegt, kaputte Schiffe und jede Menge Trümmer sind von Miyagi-City übrig geblieben.

Bollywood und Trümmerlandschaft

Der Busdriver fährt indisch style – das erinnert mich stark an eine „Schottland an einem Tag“ Tour im Sommer 2004, als in einem ähnlich kleinen Reisebus ca. 20 Menschen aus 15 Nationen von einem schottischen Urgestein in Kilt mit hundertachzig Sachen durch die schmalen und hügeligen Straßen Schottlands gefahren wurden. Nur dass heute die schottische Musik durch indisches Geleier und das schottische Urgestein durch einen Busfahrer mit reichlich indischem Blut in den Adern ersetzt wurden. Die Überholmannöver in der oft sehr bergigen Küstenregion Miyagis, die landschaftlich übrigens sehr reizvoll ist, könnten glatt aus einem Bollywood-Film stammen.

16:50 Uhr
Ankunft in Nango Taikikan (Misato-machi), derzweiten Station desTages. Auf dem Weg dorthin, entlang der Küste Miyagis, kommen wir durch viele vom Tsunami zerstörte Buchten. Ganze Landstriche sind ausgelöscht, immer noch – nach monatelangen Aufräumarbeiten – sieht man nichts als Trümmer, Zerstörung, kaputte Häuser und weggespülte Autos, Schiffe auf Brücken, Häusern, an Berghängen, Aufräumtrupps etc. Es wird noch viele Jahre dauern, bis hier wieder Normalität zurückkehren kann.

Die beiden Volunteers, die die 75 Evakuierten im Ward Office betreuen, verhalten sich eher wie Gefängniswärterinnen und notieren alles ganz akribisch (japanische Überwachungsmentalität und die Vorliebe zur Bürokratie lassen grüssen). Allen Evakuierten werden Kulturbeutel ausgehändigt. Drei sehr kleine japanische Omas erinnern sich an einige aus der Gruppe, die hier vor ein paar Wochen schon einmal Curry verteilt haben. Ein herzliches Wiedersehen mit Fotos austauschen und ein bewegender Abschied.

18:12 Uhr
Rückfahrt nach Tokyo. Nachdem von den geschätzten 100 Portionen mitgebrachter Leckereien ca. 80 verputzt sind, wird in einem Kombini auf der Strecke eingekauft: tütenweise Knabberkram, Eis, Getränke und Wein machen danach die Runde. Die eh schon lustige Gruppe wird noch lustiger, kann Unmengen von Speisen, Kuchen, Kekse, indische Spezialitäten, Obst und Nüsse vertilgen. Die abwechselnd indische und spanische Musik wird lauter. Noch 5,5 h Heimfahrt liegen vor uns.

19:10 Uhr
Mehrere Kilometer Stau an der Murata-Junction 村田 (Yamagata Expressway / Tohoku Expressway)

20:07 Uhr
Endlich rollt der Verkehr wieder. Nach einem kurzen Stopp am Rastplatz (und dem Verzehr von Onigiri) geht es weiter in Richtung Tokyo. Der Vollmond leuchtet gelb am dunkelblauen Nachthimmel. Nun können wir zwar nicht mehr die schöne Landschaft genießen, freuen uns aber auf das Cruisen durch das nächtliche Tokyo.

01:07 Uhr
Ankunft in Yokohama, YCAC


1 Kommentar so far
Hinterlasse einen Kommentar

[…] Busfahrt nach Miyagi […]

Pingback von Busfahrt nach Miyagi – Hilfe im Tsunamigebiet « Maikaefer’s Weblog




Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s



%d Bloggern gefällt das: